Text & Fotos: Mirco Taliercio

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Kuba: Was Trumps Bedrohungs- und Isolationspolitik für die kubanische Zivilgesellschaft bedeutet

Leben (fast) wie im Krieg

Kaum Öl, kaum Benzin, meist nur drei Stunden am Tag Strom und die unverhüllte Drohung einer benachbarten Weltmacht, das kleine Land mit militärischer Gewalt zu übernehmen – das Leben der Menschen gleicht in Kuba derzeit Mangelerlebnissen und Angstszenarien, wie man sie sonst aus drohenden oder akuten Kriegszeiten kennt.

Ich fahre meine Termine mit dem Fahrrad ab. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es funktioniert. In Havanna ist das inzwischen der Normalfall. Wer mobil bleiben will, steigt um. Fahrräder, Elektroroller, improvisierte Dreiräder – alles, was mit wenig Energie auskommt. Kuba stellt sich um, gezwungen, nicht geplant.

Die größte Versorgungskrise seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird hierzulande allenfalls die Versorgung mit edlem Zigarrenimport stören. Wer vor Ort ist, sieht etwas anderes: ein Land, das sich im Mangel organisiert. Bekanntlich hat Donald Trump mit seiner Verschärfung der Sanktionen und dem Ölembargo eine Energiekrise verschärft, die längst den Alltag bestimmt. Wenn Strom da ist, wird geladen – Taschenlampen, Telefone, Elektroroller. Wenn nicht, steht alles still.

Auf den dunklen Straßen sind nachts vor allem elektrische Fahrzeuge unterwegs, leise, sparsam, begrenzt. Busse fahren selten, also treten die Menschen selbst in die Pedale.

Die Panne passiert nebenbei. Ein platter Reifen, nichts Besonderes. Ein hilfsbereiter Kubaner bringt mich zu einer kleinen Baracke, Ein kleines Schild Punchero24 , 3 junge Männer arbeiten hier, wie der Name schon sagt rund um die Uhr. Kein neues Material, keine Ersatzteile. Stattdessen wird das Blech einer alten Bierdose flachgerollt, zwischen den Schlauch gedrückt. Zwei Elektroden werden angesetzt, Strom daraufgegeben, das Metall erhitzt sich und verbindet sich mit dem Gummi. Eine improvisierte Vulkanisation. Für einen Euro. Es hält.

Improvisation ist hier kein Stil, sondern Voraussetzung.

In einer kleinen Pizzeria fällt das Gas aus. Der Ofen bleibt kalt, Pizza gibt es keine. Die Betreiber zögern kurz, dann machen sie mitten in der Küche ein Feuer, setzen einen Topf darauf und kochen Spaghetti. Der Raum füllt sich mit Rauch und Hitze. Draußen bildet sich eine Schlange. Niemand beschwert sich. Man nimmt, was es gibt.

Dass diese Art von Alltag nicht nur unbequem, sondern strukturell ist, zeigt sich an vielen Stellen. Von 106 Müllwagen sind in Havanna nur noch 44 im Einsatz. Müll sammelt sich, wird zu improvisierten Sammelstellen gebracht, oft mit Karren abtransportiert. Die Bevölkerung wird um Mithilfe gebeten.

Sich selbst zu helfen ist eine eingeübte Praxis, stößt aber an Grenzen. Kühlschränke laufen oft nur wenige Stunden. Für Menschen wie Marta Maritza Mercada bedeutet das, dass Nahrung verdirbt – für sie selbst und für die Tiere, die sie versorgt. „Wenn das Fleisch zu warm wird, muss ich alles auf einmal verfüttern“, sagt sie. Danach bleibt oft nichts.

Auch die staatliche Versorgung reicht nicht mehr aus. Ein Brot für einen Tag ist keine Ausnahme. Der Rest wird organisiert: durch Familie, durch Tausch, durch Improvisation.

Andere gehen fischen. Ulisse und Ruben stehen am Meer, vor der Kulisse der Stadt, die hinter ihnen bröckelt. „Mein Gehalt reicht nicht“, sagt Ruben. „Ich habe Familie. Dieses Land ist großartig – aber so geht es nicht weiter.“

Die Folgen der Energiekrise reichen bis in die Krankenhäuser. Im González Corro Krankenhaus berichten Ärzte von Generatoren, die verzögert anspringen. Sekunden, manchmal Minuten ohne Strom. Operationen werden im Licht von Mobiltelefonen beendet. „Wir betreiben Kriegsmedizin“, sagt die Ärztin Yudmila Rodríguez Verdecia.

Es fehlt an Medikamenten, an Anästhetika, an grundlegenden Wirkstoffen wie Oxytocin. Nicht, weil es keine Produktionsmöglichkeiten gäbe, sondern weil Rohstoffe nicht ins Land kommen. Das Gesundheitssystem funktioniert – aber unter Bedingungen, die es eigentlich unmöglich machen.

Der Mangel an Transport zwingt medizinisches Personal oft, im Krankenhaus zu bleiben. Wege nach Hause sind nicht mehr verlässlich planbar.

Was hier sichtbar wird, ist kein plötzlicher Zusammenbruch, sondern ein langsames Verschieben der Realität. Ein Land, das sich anpasst, weil es keine Alternative gibt. Ein Alltag, der sich neu organisiert, jeden Tag.

Und mittendrin: Menschen, die weitermachen. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil es notwendig ist.

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