©2017 Mirco Taliercio - Fotograf - Muenchen - Studio 108

Enthüller des Spiegel-Skandals: "Mirco, die glauben uns nicht"

January 29, 2019

 

Der Fall Claas Relotius, der für den "Spiegel" Reportagen erfunden hat, erschüttert die Medienlandschaft. Die Enthüllung ist Autor Juan Moreno zu verdanken. Dabei begleitete ihn Fotograf Mirco Taliercio, aufgewachsen in Weiden.

 

Was die befreundeten Kollegen erlebt haben, liest sich wie ein Thriller: Gemeinsam reisen sie quer durch die USA und decken einen der größten Medienskandale auf, den Deutschland je erlebt hat. Das Skurrile daran: Ihre Story ist wahr - im Gegensatz zu den Reportagen des preisgekrönten und gefeierten Spiegel-Autors Claas Relotius. 

Alles begann mit einem unguten Gefühl. Juan Moreno sollte mit Relotius ein Autoren-Team bilden. Sie sollten an einer Geschichte über Einwanderung arbeiten: Moreno in Mexiko, Relotius in Arizona. Als Moreno das Manuskript des Kollegen auf den Tisch bekommt, kann er an vielen Stellen einfach nicht glauben, dass sich die Dinge so abgespielt haben können. Der Text "Jaegers Grenze" berichtet von einem Mann namens Jaeger, der aufgrund der Drogensucht seiner Tochter mit einem Gewehr Jagd auf Einwanderer macht.

"Juan ist ein grundehrlicher Mensch", erinnert sich Fotograf Taliercio. "Er war sicher, dass der Artikel irgendwann als Fake enttarnt wird. Das bereitete ihm buchstäblich Schmerzen." Und er weiß: "Wenn sein Name unter einem gefälschten Artikel steht, hängt er mit drinnen." Moreno, der Pauschalist mit achtwöchiger Kündigungsfrist, hat schlichtweg Angst um seinen Job, denn Glaubwürdigkeit ist für einen freien Autor das wichtigste Kapital. 

Alles frei erfunden

Moreno stellt Fragen und läuft damit gegen die Wand. "Juan hat ziemlich Druck bekommen." Die Redaktion vermutet Zickereien, Eifersucht auf den erfolgreichen Kollegen. "Man glaubte ihm nicht einmal, als er seine Aussagen mit eindeutigen Videos belegte." Für diese Aufnahmen hat Taliercio gesorgt. Sie sind Ergebnis der gemeinsamen USA-Reise. Eigentlich wollten die befreundeten Kollegen für eine Reportage über den Boxer Floyd Mayweather recherchieren. Aber dann steuern Taliercio und Moreno die Orte in Arizona an, an denen sich Relotius' Stories abgespielt haben sollen. Sie stoßen tatsächlich auf die Protganoisten der Reportage "Jaegers Grenze". Nur: Diese haben Relotius nie zu Gesicht bekommen.Es stellt sich heraus: Die Geschichte ist frei erfunden. "Jaeger heißt in Wirklichkeit Maloof. Er hat keine drogensüchtige Tochter, die sein Motiv für das Gründen einer Bürgerwehr darstellen soll." Auch trägt er nicht, wie Relotius fabuliert, ein "Strength and Pride"-Tattoo auf der Hand. Taliercio nimmt die Aussagen des Mannes auf Video auf. "Jaeger" zeigt dabei seinen Ausweis in die Kamera. "Wirklich schlimm ist dabei, dass er Menschen in die Scheiße reitet", findet Taliercio. Der Autor behauptet, die Bürgerwehr würde Mexikaner festnehmen, fesseln und auf sie schießen. "Das wäre versuchter Mord."Um ganz sicherzugehen recherchieren die Freunde noch eine zweite Story, die Relotius über den Footballstar Colin Kaepernick verfasst haben will. Der Quarterback ist Aktivist gegen den Rassismus in den USA. "Claas behauptet, er hat mit den Eltern gesprochen." Dazu muss man wissen: Die Eltern haben nur zweimal - kurz nachdem Trump ihren Sohn "son of a bitch" nannte - mit Medien gesprochen und jeden weiteren Kontakt abgelehnt.

Diese Tatsachen machen die Freunde stutzig: "Sie reden nicht mit der Presse in den USA, aber am Telefon mit Claas?" Hier helfen die Kontakte Taliercios aus seiner Amerika-Zeit weiter. Er kommt an die Nummer von Kaepernicks Anwalt. Ein Anruf genügt: Auch diese Geschichte ist Lug und Trug. Relotius hat nie mit den Eltern gesprochen, diese hätten sich nie von ihrem Sohn distanziert. Man fragt sich, ob Relotius wirklich erwartete, dass sein Betrug nicht auffliegt. "Ich glaube, er hat einfach gedacht: Wird schon keiner merken." 

"Die glauben uns nicht"

Mit diesen Belegen auf Taliercios Rechner reisen die beiden zurück nach Deutschland. Moreno geht mit dem Material in ein Redaktionsmeeting. Relotius ist auf den Termin akribisch vorbereitet, laviert sich aus allen Vorwürfen heraus. Hinterher ruft Moreno fassungslos den Fotografen an: "Mirco, die glauben uns immer noch nicht." Juan sei ist in dieser Zeit "durch die Hölle gegangen". Im Vorfeld des Meetings habe er nächtelang nicht geschlafen.

Dass der Fälscher schließlich gestoppt werden kann, das verdankt die Medienlandschaft seinem technischen Unverständnis. Relotius fälscht E-Mails. Unter anderem macht er aus dem Vorwurf eines Protagonisten, dass er "nie" vor Ort gewesen sei, macht er "nur drei Stunden". In den Archiven des Spiegels findet sich die Original-Mail. Das schickt den Star-Journalisten nach vielen Runden auf die Bretter. "Technischer K.o.", kommentiert Taliercio.

 

 

 

 

 

 

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