©2017 Mirco Taliercio - Fotograf - Muenchen - Studio 108

„Spiegel“-Betrugsfall Claas Relotius - „Spiegel“ verkehrt: Fotograf schildert, wie keiner die Wahrheit glaubte

December 28, 2018

 

Der Betrugsskandal um den einstigen „Spiegel“-Star-Reporter Claas Relotius kam durch seinen Kollegen Juan Moreno ans Licht. Während der beim „Spiegel“ zunächst auf heftigen Widerstand stieß, wurde er bei seinen Recherchen auf eigene Faust von seinem Fotografen-Kollegen und Freund Mirco Taliercio unterstützt. Er berichtet, wie schwierig es war, die „Spiegel“-Redaktion von Relotius‘ Fälschungen zu überzeugen – trotz Videobeweisen.

Taliercio begleitete Moreno bei seinen Nachforschungen in den USA, die die Machenschaften von Relotius letztlich ans Licht brachten. Zunächst als freier Journalist, später dann als angestellter Redakteur hatte Relotius eine Vielzahl seiner knapp 60 Artikel für den „Spiegel“ und „Spiegel Online“ gefälscht – Dialoge, Szenen und Biografien waren zum Teil frei erfunden. Vorsätzlich und mit „hoher krimineller Energie“ sei er vorgegangen, teilte der Verlag mit.

„Obwohl wir die Beweise auf Video hatten“

Wahrhaben wollte den Betrug beim „Spiegel“ zunächst aber niemand – selbst als es erste Hinweise gab. „Die haben es bis zum Schluss nicht geglaubt“, betonte der Münchner Fotograf Taliercio im Magazin „w&v“. „Obwohl wir die Beweise ja auf Video hatten.“

Sein Kollege Moreno hatte – bereits gegen anfängliche Skepsis – mit Relotius an der Reportage „Jaegers Grenze“ über eine Bürgerwehr in den USA an der Grenze zu Mexikogeschrieben. Als er Relotius’ Teil des Textes erhielt, wurde er misstrauisch. Er habe an vielen Stellen nicht glauben können, was da stand, erinnerte sich Taliercio.

Bild: dpaClaas Relotius (r.) mit Nina Ruge und Hannes Jaenicke

"Juan wollte mit so einer Geschichte nicht in Verbindung gebracht werden. Er hatte auch schlichtweg Angst um seinen Job, um seine Existenz.“ Deshalb habe er Fragen an die Redaktion gestellt. „Deshalb hat er versucht aufzuklären", so der Fotograf.

 

Er unterstützte ihn dabei. Moreno und Taliercio waren für Recherchen für einen Artikel zum früheren ProfiboxerFloyd Mayweather in den USA. Als Moreno merkte, dass er mit seinen Zweifeln an der Echtheit von Relotius’ Geschichte gegen „Spiegel-Qualitätswände“ stieß, wie er es selbst in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ genannt hatte, wurde er auf eigene Faust aktiv und habe sich gewehrt. „Ich habe ihm eigentlich nur geholfen“, sagte Taliercio.

„Habt ihr denn da kein Factchecking?“

Die beiden trafen in Arizona die Protagonisten, die auf den Fotos zu Relotius‘ Teil der Reportage zu sehen waren. Taliercio filmte die Gespräche mit ihnen. Und es kam heraus, dass der titelgebende Protagonist „Jaeger“ gar nicht mit Relotius gesprochen hatte, keine deutschen Verwandten und auch keine drogensüchtige Tochter hat. Tatsächlich heißt er Maloof, wie er laut Taliercio im Video mit Personalausweis belegte.

Ein anderer Protagonist, Tim Foley  – ebenso von Relotius mit falschem Namen eingeführt – habe auf den Reporter angesprochen, gesagt: „Das ist doch der Typ, der niemals aufgetaucht ist.“ Als ihm Moreno eine Übersetzung von Relotius’ Text vorgelegt habe, habe er gefragt: „Und eure Bosse haben den Mist gekauft? (…). Habt ihr denn da kein Factchecking?“

Tatsächlich verfügt der „Spiegel“ über eine 70 Mann starke Dokumentationsabteilung zur Qualitäts- und Faktenkontrolle, der die Fälschungen nicht auffielen.

Laut Fotograf Taliercio erklärte Foley ihnen im Video im Detail, warum der Artikel komplett falsch sei.  

dpaDas "Spiegel"-Verlagsgebäude in Hamburg

 

„Mirco, die glauben uns nicht“

Auch bei einer anderen Relotius-Geschichte aus den USA entlarvten sie den Betrug. Doch der vielfach preisgekrönte Relotius genoss einen so guten Ruf, dass beim „Spiegel“ zunächst ihm und seinen Rechtfertigungen Glauben geschenkt wurde und nicht Moreno. Auch die Videos hätten daran zunächst nichts geändert, berichtete Taliercio. „Juan hat mich nach dem Meeting angerufen und hat gesagt: 'Mirco, die glauben uns nicht'. Für ihn war das alles eine brutal harte Zeit.“

Das Schwierigste an der Geschichte sei es gewesen, „den Spiegel zu überzeugen“, fasste Taliercio bei „w&v“ zusammen. Schließlich gab es doch Zweifel an Relotius‘ Versionen. Sein Email-Account wurde überprüft, wie der „Spiegel“ es selbst geschildert hat, der Betrug kam ans Licht und der einstige Star-Journalist musste die Fälschungen einräumen.

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