©2017 Mirco Taliercio - Fotograf - Muenchen - Studio 108

Spiegel-Betrugsfall Claas Relotius: "Sie wollten es bis zum Schluss nicht glauben" Der Münchener Fotograf Mirco Taliercio half seinem Freund Juan Moreno, einen der größten Skandale des deutschen Journalismus aufzudecken und erlebte dabei einen Medienkrimi.

 

So richtig fassen kann es Mirco Taliercio immer noch nicht. "Während um ihn herum alles zusammenbricht, holt er sich zumindest nach außen seelenruhig einen Preis ab." Für Claas Relotius war es wohl bis auf Weiteres der letzte Journalisten-Preis, den er in Empfang nehmen durfte.

Für Taliercio war es das Ende eines Krimis, in dem ihm eher zufällig eine tragende Nebenrolle zukommt. Für den Spiegel - und wie man inzwischen weiß, auch andere Medien - war es der Anfang eines schmerzhaften Skandals. Der Fall Relotius trifft die ganze Branche ins Mark, denn die gefälschten oder gar erfundenen Geschichten beschädigen das wichtigste Gut des Journalismus, die Glaubwürdigkeit. 

Der Münchener Fotograf Taliercio hatte eigentlich keine Ambitionen, als Aufklärer in die deutsche Journalismus-Geschichte einzugehen. Er wollte nur seinem Freund Juan Moreno helfen. Fotograf Taliercio, gebürtiger Oberpfälzer mit italienischen Wurzeln, verheiratet mit einer Spanierin, und Journalist Moreno, in Spanien geboren, in Deutschland aufgewachsen, beide etwa gleichaltrig, haben sich vor einigen Jahren bei einer Reportagereise kennengelernt. Sie wurden schnell sehr gute Freunde, waren häufig auch beruflich ein Team.

Mirco Taliercio und Juan Moreno bei ihrem Projekt "Teufelsköche"

 

 

Eines ihrer gemeinsamen Projekte heißt "Teufelsköche", das Buch erzählt die Geschichte von Köchen mit den verrücktesten Biografien, Köchen für Diktatoren oder Mafiosi. Die Macher der "Teufelsköche" wären durch den, nennen wir es, Einfallsreichtum eines als stets freundlichen jungen Mann beschriebenen deutschen Journalisten beinahe in Teufels Küche gekommen. 

"Juan wollte mit so einer Geschichte nicht in Verbindung gebracht werden. Er hatte auch schlichtweg Angst um seinen Job, um seine Existenz. Deshalb hat er die Fragen gestellt, deshalb hat er versucht aufzuklären", sagt Taliercio. Die Fragen hatte Moreno an die Redaktion des Spiegels gestellt. Es ging um Claas Relotius, mit dem Moreno gegen seinen Willen gemeinsam an der Geschichte "Jaegers Grenze" für den Spiegel geschrieben hat.

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Dass es die letzte Geschichte des vielfach preisgekrönten Journalisten Relotius werden sollte, ist in erster Linie Juan Moreno und seinem Freund Mirco Taliercio zu verdanken. "Juan hat das Manuskript der kompletten Geschichte bekommen und konnte an vielen Stellen einfach nicht glauben, was da steht. Deshalb hat er eine Reihe von Fragen gestellt", erinnert sich Taliercio. Fragen, die beim Spiegel aber sehr lange keiner hören wollte. "Die haben es bis zum Schluss nicht geglaubt", sagt Taliercio. "Obwohl wir die Beweise ja auf Video hatten."

Mirco Taliercio hat die Videos gedreht. "Hier identifiziert sich Maloof selbst auf dem Spiegel-Foto", sagt er.

Foto: Holger Schellkopf

Die Filme hat der Fotograf auf seinem MacBook gespeichert; heute sind sie eine Art Zeitgeschichte des deutschen Journalismus. Und tatsächlich: wenn man die Videos sieht, kann man kaum glauben, dass es dennoch sehr schwer war, die zuständigen Leute in der Spiegel-Redaktion zu überzeugen. 

Das Duo Moreno/Taliercio war eigentlich in den USA, um eine Geschichte über die Boxlegende Floyd Mayweather zu machen. Nachdem den Zweifeln und den zugehörigen Argumenten Morenos an dem Relotius-Teil der gemeinsamen Geschichte beim Spiegel aber niemand Glauben schenken wollte, machten sich die beiden auf den Weg, um vor Ort Beweise zu sammeln. "Juan war sicher, dass die Geschichte irgendwann auffliegt. Und er wollte damit nicht in Verbindung gebracht werden. Deshalb hat er sich gewehrt, ich habe ihm eigentlich nur geholfen."

Vor Ort in Arizona, wo Claas Relotius angeblich die Protagonisten seiner Geschichte gefunden und gesprochen hatte, wurde schnell klar, dass an der Story im Grunde nichts stimmt. Sie fanden die Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, Moreno sprachen mit ihnen, Taliercio dokumentierte die Gespräche auf Video.

Dabei stellen sich quasi alle Details aus der Geschichte von Relotius als frei erfunden heraus. Titelheld Jaeger hat nie mit diesem deutschen Journalisten gesprochen, trägt in Wahrheit einen anderen Namen und hat auch sonst herzlich wenig mit dem zu tun, was Relotius in seiner Geschichte beschreibt. Der Mann, der in Wahrheit mit Nachnamen Maloof heißt, ist wesentlich jünger, seine deutschen Verwandten sind ebenso erfunden wie die angeblich drogensüchtige Tochter. Tattoos hat Maloof zwar viele, von dem durch Relotius beschriebenen "Strength and Pride" fehlt aber jede Spur.

Die Aussage des Mannes, inklusive vorgezeigtem Personalausweis, filmte Taliercio. Das Video lässt im Grunde keine Fragen offen.

Beweisvideo: Einer der vermeintlichen Relotius-Protagonisten identifiziert sich mit dem echten Namen

Foto: Holger Schellkopf

Ähnlich sieht es beim zweiten Hauptprotagonisten der Spiegel-Geschichte aus, auch er im Foto zu sehen. Immerhin, er heißt in Wahrheit Tim Foley und nicht Nailer, hat schon von dem deutschen Journalisten des Spiegel gehört. "Das ist doch der Typ, der niemals aufgetaucht ist", sagt Foley. Moreno und Taliercio zeigen Foley den übersetzten Text der Spiegel-Story.

Der Bürgerwehrler aus Arizona reagiert überrascht erzählt Mirco Taliercio: "Und eure Bosse haben den Mist gekauft, hat er uns gefragt. Habt ihr denn da kein Factchecking?" Dann erläutert Foley im Video sehr detailliert, warum der Text eigentlich in alle Details falsch ist. Foley ist irgendetwas zwischen entsetzt und amüsiert.

Und tatsächlich fragt man sich bei vielen Details, ob darüber nicht auch eine Doku-Abteilung stolpern müsste. Die Sache, dass die Bürgerwehrler YouTube-Videos von Donald Trump auf ihren Handys anschauen beispielsweise. "Wo wir unterwegs sind, gibt es gar kein Netz", sagt Foley.

Fast schon aus Verzweiflung beginnt das Duo, immer noch in Amerika, auch andere Relotius-Geschichten zu überprüfen. Die Story über Colin Kaepernick gehört dazu. Relotius behauptete, mit den Eltern des  NFL-Quarterbacks und Aktivisten telefoniert zu haben. Einigermaßen erstaunlich, dass Kaepernicks Eltern vorher nicht einmal mit irgendeinem US-Medium gesprochen hatten.

Bei der Recherche in der Sache hilft den beiden Freunden, dass Taliercio aus seiner Zeit in den USA noch gute Kontakte in die Szene der Celebrity-Medien hat. Ein Freund besorgt ihm die Telefonnummer des Kaepernick-Anwalts. Konfrontiert mit der Geschichte des deutschen Nachrichtenmagazins, lässt der Anwalt keine Zweifel offen. Taliercio: "Er schrieb wörtlich: Never happened and it is blatantly false."  

Ein weiterer Beweis für Moreno - im Nachhinein betrachtet obendrein eine Überprüfung, die auch der sagenumwobenen Dokumentationsabteilung des Spiegel gut zu Gesicht gestanden hätte. Was natürlich auch für viele Details der Arizona-Geschichte gilt. Aber mit dem heutigen Wissen, den von Moreno und Taliercio zusammengetragenen Fakten und natürlich besonders dem Eingeständnis von Relotius selbst, stellen sich wohl viele Dinge anders dar, lesen sich viele Geschichten plötzlich seltsam.

 
 
Wie der Spiegel anfangs reagierte

Den entscheidenden Leuten beim Spiegel reicht all das aber lange nicht. "Das Schwierigste an der Geschichte war, den Spiegel zu überzeugen. Wir wussten ja, wie es wirklich war", sagt Taliercio. Selbst beim großen Showdown in Hamburg sah es lange danach aus, als würde Relotius mit seinem System durchkommen. Zu groß ist das Vertrauen in den jungen Star-Schreiber, zu perfekt dessen Rechtfertigungsgebilde. Taliercio: "Er wusste alles, was wir wissen. Und hat daraufhin eine perfekte Rechtfertigungsstory entwickelt".

Nicht ohne Einfluss dürfte auch gewesen sein, dass sich Moreno von Anfang an gegen die Zusammenarbeit mit Relotius gewehrt hatte. Bei Moreno Ausdruck eines indifferenten Misstrauens, für die Spiegel-Redaktion damals wohl eher eitles Gezicke unter Journalisten.

Alles zusammen führte dazu, dass selbst die Videos nicht als Beweis gewertet wurden. "Juan hat mich nach dem Meeting angerufen und hat gesagt: Mirco, die glauben uns nicht. Für ihn war das alles eine brutal harte Zeit." Immerhin waren aber so viele Zweifel geweckt worden, dass der angebliche Mail-Verkehr des Schreibers Relotius mit seinen vermeintlichen Protagonisten neu überprüft wurde.

Immer mehr Ungereimtheiten tauchten auf, die Mails wurden als Fälschung identifiziert. Am Ende wurde der Druck auf Claas Relotius zu groß, die Beweislast zu erdrückend. Genau genommen war der Star-Reporter Relotius schon Geschichte, als er seinen letzten Preis entgegengenommen hat.

Eine tragische Geschichte - für alle Beteiligten.

Disclaimer: Der Verlag Werben und Verkaufen ist eine Tochter des Süddeutschen Verlags. Auch die SZ ist vom Fall Relotius betroffen.

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